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Einleben

B wie Banalitätseffekt

Ein Banalitätseffekt kommt eigentlich in 100 von 100 Fällen. Mal stark und mal weniger merkbar. Es ist ein Effekt der jeden Autor treffen kann. Ob den einer kleinere Abschlussarbeit oder einer großen, einen Zeitplanfanatiker der alles uns jeden Satz zum vorausgesagten Zeitpunkt fertig geschrieben hat – die wirren immer nur Drauflos-Schreiber sowieso – oder einen Plagiatator der theoretisch nur Zusammentragen muss.
Der Banalitätseffekt stellt sich etwa nach zwei Dritteln der Gesamtarbeitszeit ein. In einem steigt dann erst leise und schleichend, nach ca. zwei Tagen bis einer Woche, lauterwerdend das Gefühl auf das man am besten mit folgenden Gedanken des Autors beschreiben kann: Bullshit, alles Bullshit, das, was ich bisher schrieb, das bisherige Ergebnis auf Papier nach dem ‚Point of no return (der Sprit reicht nicht um wieder in den Horst zu fliegen)‘, sprich 2/3 der Zeit ist verstrichen a) ist so banal, dass es bei Weitem den Anspruch der Arbeit nicht erfüllt b) bisher Null Mehrwert produziert wurde, Null Erkenntnisgewinn und c) das sich der Prüfer/die Prüferin höchstens zu einem ‚unbefriedigend‘ wenn nicht sogar ’schandhaft für den entsprechenden Stand/Wissenschaftszweig/die Bildungseinrichtung (bitte ankreuzen)‘ hinreißen wird.

Das Gute an dem Effekt ist nun – neben der aufkommenden Frage nach der Sinnhaftigkeit der Arbeit und dem damit verbundenen Hinterfragen, des Ganzen und seiner einzelnen Teile – das man sich hinsetzen und auf ihn warten
kann. Somit ist er erwart- und kalkulierbar. Der Zufall begünstigt den Vorbereiteten. Heißt hier: wenn man sich der Sache bewusst ist, weiß dass bald der Moment kommt an dem man teilresigniert, latenten bis fetten Zeitdruck verspürt, dann ist man zu einem gewissen Teil darauf vorbereitet.

Gegenmaßnahmen: nun weiß man, dass der Banalitätseffekt kommt – kann man nun dagegen etwas unternehmen? Ja und Nein. Allein die Bewusstmachung kann helfen nicht in Stress zu geraten. Auch scheut sich der um den Effekt Wissende, etwas länger sein 2/3-fertiges Werk den Flammen auszusetzen. Ein präventives Gegenmittel ist, dass man sich, sobald so ein Minderwertigkeitsgefühl des Werkes aufkommt, Schönredner ins Lektoratenboot hold. Die sollen es dann einmal gelesen und ausschließlich positive Superlative können.
Meine Strategie was es, in der Master- bzw. Bachelorarbeitsschreibphase, aufkommende Gefühle der Banalitätsart solange zu ignorieren bis sie abschwächten. Dann den positiven Teil, das kritische Hinterfragen von Hauptaussagen, Synthesen etc., am Ende der Banalitätsquälereiphase zuzulassen. Verdrängung – was sagt das über mich aus? Egal – es hat sehr gut funktioniert. So gut, dass ich Jens – den ich zu einem Großteil der Schreibzeit als Companion zu Schreibzwecken zu Gast hatte – den stümperhaften Lektor stellen konnte.
By the way: dieses „so weit ignorieren bis das nicht-hilfreiche überschwängliche verebbt und abgeschwächt ist“ habe ich auch erfolgreich beim Rauchen eingesetzt. Bzw. beim Abgewöhnen. Ich machte mir bewusste, dass es Momente gibt in denen man rauchen will, kann, möchte und ggf. auch sollte. Nun habe ich nicht die Sache an sich ignoriert, sondern das aufkommende Gefühl der Fragerei. Nicht ’sollte ich jetzt Eine rauchen – was spricht eigentlich dagegen‘ und ‚ach das kann nicht so schädlich sein – wenn ich jetzt rauche, dann nicht nachher – wo ist die Grenze zw. Eine sollte genehmigt sein und nein die ist überflüssig‘. Ich habe stattdessen die gesamt Fragerei, das abwägen ob und wann und wann und warum nicht weggeschoben, aufkommende Abwägungsmomente wurden sofort abgebrochen (durch z.B. zuwenden zu anderen Dingen: machen einer neuen Sache, neues Gespräch oder einfach loslaufen und Schoppenhauer rezitieren). Ganz einfach.

Ähnlich dem Banalitätseffekt stellt sich nach einem Umzug eine Fragephase ein. Die geht meist einher mit einer latenten Depression die von Freunschaftslosigkeit und auch einer gewissen Fremde her rührt. Bei uns dauerte es etwa sechs Monate bis sich der Umzugsbanalitätseffelt einstellte. Das Hamburg recht banal ist… an sich nicht das Ding. Die einfachen Dinge im Leben stehen ja meist den komplexen schönen Dingen, mit ihrem Reichtum an Details und Facetten in ihrer Beliebtheit kaum nach.
So ist Hamburg an sich ja auch nicht so vorsteinzeitlich, rückständig und dorfgleich wie ich immer sage und alle Nicht-Hamburger denken.
Nun ja. So ein Effekt liegt wohl vorrangig an dem Fakt, dass man erst einmal recht fremd ist. Wie ich die letzte Zeit in Berlin auch voraussagte, war es zu erwarten, dass wir erst einmal uns haben. Auch die vermeidlich nahe Familie, 3 in HH und mind. eine in Kiel – Familienmitglieder versteht sich- , habt nun einmal ein Leben und müssten erst einmal, wenn gewünscht, ihr ‚Freizeit evoked set‘ anpassen. Evoked set kommt vornehmlich aus dem Marketing und es ist am Besten beschrieben mit ‚Top Ten‘ von irgendwas. Soll man Automarken aufzählen, dann fallen einem spontan 6 ein, nach Überlegen 10, dann wird’s schwieriger. Die ‚6‘ sind das evoked set. So gibt es nach meiner Definition auch ein Freizeit evoked Set – die Antworten auf „Wenn ping ich an, um Etwas zu machen was mir Spaß macht und nicht zu vergessen die Kosten den Spaß-Nutzen wett machen“. Nun ja so ist es nicht nur bei Familienmitgliedern sondern auch bei den bereits erwähnten Freunden die wir glückliche Kinder wie wir sind schon in Hamburg als Anlaufstationen haben. So sind die meisten in ihrem Leben eingespannt. Werden in ihrer Arbeitswelt gefordert und haben ihre bestehenden Kontakte, die eben erst einmal angezapft/abgeklopft werden wenn’s um Freizeitgestaltung geht.
Entscheidend für das längerfristige Soziale Netzwerk sind an zweiter Stelle hinter Familie und Freunde die Hamburger. Nach sechs Monaten und nach einigen Gesprächen mit ehemals Zugezogenen stellen wir fest, dass das der gemeine Hamburger nen biss unsozial ist. Ein Hamburger verteidigte da mit den Worten: die Berliner sind klar etwas schnodderschnautziger, lockerer…die Hamburger wirken sicher eher etwas reservierter, jedoch hat man – wenn man einmal mit einem Hamburger befreundet ist – eine längerfristig angelegte Freundschaft. Das soll wohl das Geheimnis der Hanseaten sein. Diese habe ich vermutlich auch schon einmal hautnah unter Geschäftsmachern erlebt. Handschlag und ein Haufen Kohle wurde vorgestreckt – Hanseatisches Darlehen. Bei Siemens nennt man das Bonus, bei Bund für Steuerzahler Bestechung, beim MAD Sicherheitszuschlag, im Bundestag/-rat Geschenke und bei Ergo Versicherung Betriebsausflug nach Ungarn.
Nun ja. Mag sein das der, der die Assozialität der Hamburger – sagt man so asoziale Hamburger, bin mir nicht sicher – verteidigende, der Schleswig-Holsteiner, der zweitweise Hamburger war, Recht hat. Aber wie bescheuert ist das? Ich rede doch nicht nicht mit Einem/Einer weil ich eher auf längerfristige Freundschaften aus bin. Deswegen fange ich ja mit Niemanden ein Gespräch an was unter der Marke Weltfrieden und Hansatischer Wohlstand ist. Kein ‚hey sie stehen auf meinem Schuh‘, ‚hui, Sie sind aber aufmerksam‘. Kein ‚darf ich mal durch‘, ‚klar wenn die den Eintritt zahlen‘. Also kein Smalltalk, weil das nicht zielführend sei, für eine längerfristige Beziehung. Nun ja.

Zurück zu uns. Dieses Banalitätseffekt-Ding kommt nun in uns hoch. Wie evtl. schon eifrigen Lesern des Blogs – danke dir an dieser Stelle für die Treue – aufgefallen, ist Eidelstedt nicht so der tollste Stadtteil ist.

Nachtrag Anfang : Hier sei noch einmal auf die schon angesprochenen verwaisten Spielplätze hingewiesen. Es gibt eine Erklärung, die ich nicht bedacht hatte. Oberhalb von uns, Richtung Nord, sind vornehmlich Einfamilienhäuser. Es liegt nah, dass da dann die Kinder nicht auf öffentliche Spielplätze geschickt werden, wenn im Garten ne Trampolin und ne Buddelkiste steht. : Nachtrag Ende. Intermezzo Anfang : ich komme soeben aus dem Poetry Slam Battle HH vs. B. Da gab’s einiges aufs Ohr. Und wirklich armseelig was da die Hamburger Slamer zu bieten hatten. Ja hier ist alles Teuer aber wir haben den Hafen. In Berlin gibt es nur Hipster. In Hamburg gibt es einen funktionierenden Flughafen…ok. Hipster sein und wie ein Hipster aussehen unter scheidet Berlin von Hamburg. In Berlin ist man. In Hamburg scheint man nur und Prio eine ist gut auszusehen und was darzustellen. Und by the way…wir haben nebenbei bemerkt zwei funktionierende Flughäfen.

Nun ja – der Battle war sehr unterhaltsam…sehr gut organisiert und hätte Hamburg nicht durch den Publikums-Endentscheid von 10 Punkten (der logisch den Punktevorstand von Berlin platt machte) durch Lautstärke gewonnen hätte ich daran gezweifelt, dass Hamburg nen Rückgrat habe. Das Thalia-Theater sei hier noch lobend erwähnt : Intermezzo Ende.

Das ist auch ok, dass Eidelstedt nicht so der abgesagteste, angenehmste und soundso tollste Bezirk ist. Er bedient die Ansprüche die wir, frisch hergezogen, an unseren Kiez (ui. Beleidigung für jeden Kiez, Eidelstedt Kiez zu kennen)…ich meine unsere Wohngegend, haben. Preiswert eine relative günstige Lage zur Arbeit und zur Innenstadt. Nicht zu wild und nicht zu ruhig. Das Alles erfüllt die Gegend hier.
Nichts desto trotz bedient die Gegend den beschriebenen Effekt. a) wir fühlen uns nicht so wohl, als dass wir uns hier längerfristig niederlassen wollen, folglich können wir hier gar nicht richtig ankommen. b) gibt’s hier kein Potenzial Leute kennenzulernen, was folglich der Beseitigung des Einsamkeitsgefühls nicht zuträglich ist.

Ein weiterer Punkt warum wir nun diesen Effekt austragen, müssen, ist, dass wir in Berlin waren und gespürt haben was wir an Berlin hatten. Das merkte lustiger Weise speziell die Jenny deutlich. Zu unserem Berlinbesuch aber im nächsten Artikel.

 

Kampf der Künste Thalia Theater Hamburg Poetry Slam
Poetry Slam im Thalia Theater Hamburg vs. Berlin, Berlin gewinnt mit 141,2 zu 140,2.

 

 

Von Jonas York

2012 : Ich bin ein Blogger. Will meinen Heimathafen Berlin mit dem Heimathafen Hamburg in 2012 tauschen. Für Alle die es interessiert sollen hier die spannenden und weniger spannenden Geschichten des Jonas Y aus B an der Spree die sein Umzug mit sich bringt niedergeschrieben und bebildert werden.

2017 : Fünf Jahre später, wir sind nun von Hamburg aufs Dorf gezogen. Zu den Geschichten zum Umzug sind einige zu Häuschensuchen und Kinobesuchen gekommen.
Einige zu Eltern und Kindern, nicht zuletzt weil wir nun Fünf sind.

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