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Angeln, Teil 1

„Hey Maggie, wie sieht’s aus mit Angeln“… so ging es los. Angeln, so lernte ich später, hieß dabei, dass fünf Freunde hochgerüstet…besser: hoch ausgerüstet auf ein Boot gehen, wie jedes Jahr und beim Dorsch- und Plattfischangeln ihrer Clique frönen. Warum auch immer wohnte ich dem Anfangsgespräch bei und warum auch immer wurde ich gefragt, ob ich mitkommen wolle. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass die Jungs studierte Soldaten, Kontakter zu Dorfbürgermeistern in „kritischen Gegenden“ in Afghanistan sind oder einwöchige Ausbildungen aka Schulungen für potenzielle Geisel von Terroristen in Entwicklungsländern genossen oder Zwillingssöhne haben – alles bereitet doch auf die eine oder andere Art Jemanden auf solch Unterfangen wie Angeln auf nem Kutter vor. Wie auch immer laß ich in folgenden Tagen mit Neugier die kryptischen Rundmails, die der Planung dienen, bei denen alle mehr und meist minder lustige Spitznamen trugen und in denen immer nur davon die Rede war, wie kalt es wohl werden würde und dass es ja unter Deck Bier, Grog und ab zwölf auch was zum Essen gäbe. Der Termin wurde für Oktober angesetzt, dann auf November…Ende November verschoben. Daher wehte der Wind der Mailinhalte ums Wetter und die Stichworte wie Alaska und Ulan Bator und Sibirien, Eisfischen kam auch mal vor. Nun ja, mein Beteuern, dass ich Jeans als Wärmstes mein Eigen nenne, wurde mit „mach dir mal keine Sorgen, du wirst schon nicht erfrieren“ abgetan. Vier Jungs und ich fahren Angeln (o:

196_team

Als ich mir eine Woche zuvor den Arsch bei 2 Grad abfror, dachte ich an Absagen. Dann sagte mein Equipment-Supporter Maggie ab…dann doch wieder zu. Ich sagte nicht ab.

Am Freitag kamen dann die Emmelines, abends Maggie. Da es am Samstag bereits 7 Uhr ab Laboe losgehen sollte, zog ich es vor, und lud Maggie ein, schon am Freitag nach Kiel zu fahren, um in Flintbek, näher dran als Hamburg an Laboe, zu nächtigen. Beim Schwiegermama. Zuvor brachten wir noch Kühl-Akkus zu Rico, dem Angelmasterchief. Dort saßen schon die anderen Jungs und bereiteten sich mental mit Bier auf den kommenden Tag vor.

Letztlich waren Maggie und ich ca 1 Uhr im Bett in Flintbek. 6 Uhr: Aufgestanden, Frischgemacht, Eingeladen und Losgefahren. Noch mit putzigen Schlafringen um und Schlafsand in den Augen kamen wir am Kutter in Laboe an. Da standen sie auch schon, unsere Mitfischer, in ihre Ski- und Angelhosen, mit Kunststoffkoffern voll mit Haken, Ködern, Drillingen, Bein in diversen Gewichtsklassen, Zangen zum Haken- wie einst Zähne ziehen (nur eben Bei den Fischen…) und so weiter. Wie sich später rausstellte, ist es auch ganz gut mehr als nur zwei Haken und zwei Blei sein eigen zu nennen. Ich parkte dann ganz frech mal neben den VW-Bussen. Maggie bat mich dann aber doch wieder zurückzusetzen und eine Reihen weiter weg zu Parken. Die Handbremse wurde festgestellt, ebenso, dass wir unseren Ausrüstungskoffer in Hamburg vergessen hatten. Der Tagesparkschein wurde gezogen, die Unterjacken und Überhosen wurden auch gezogen, an. Dann Kaffee von der Tanke noch kurz leergetrunken und ab rüber zum Kutter. Dort betraten wir mit Menschen diverser Geschlechter und diverser Jahrgänge, aber meist Männer zw. 40 und 55 Jahren, das Boot. Vom Skipper erfuhr ich später, dass ca 47 bis 48 Personen auf dem Kahn Platz fänden, heute sollten es lediglich 31 sein. Eine Truppe von 6 Man kamen einfach nicht. Was bei einem Preis von 35 Euro pro Person schon mal die Hälfte vom Dieselpreis für die Ausfahrt ist.

135_dorsch Nico

Nun ja, Masterchief Rico führte uns zu unserem Platz, aufs Boot, rechts rum zum Bug, auf die andere Seite und hinter zum Heck, Treppe hoch und da waren wir. Am festgeklippten Schild „Rico+3 Jungs und Nico“… mein Ruf als Zivi war mir wohl schon vorausgeeilt. Am Heck, so lernte ich, sei es gut, da man dort nicht in einer Reihe mit seinen Mitanglern fische. Das heißt, dass wenn das Boot driftet, man mit seinen Haken nicht da längst kommt, wo Herr Nachbarfischer schon fischte. Der Morgen graute, mir auch ob der steifen Brise. Da hilft kein Rumsehen, sondern noch schnell vom Kutter runter in den Anglerbedarfsladen und 150 Gramm Würmer kaufen, fürn Zehner. Teuer, aber nichts im Leben ist umsonst – nicht einmal der Tot, der kostet das Leben.

Zurück an Bord legten wir auch schon ab. Langsam und relativ sicher schipperten wir von Laboe Richtung Ostsee, Richtung Nord. Voraussichtlich sollte uns unsere Reise in Dänische Gewässer führen (tat sie dann aber nicht). Wir fuhren am Ehrendenkmal von Laboe vorbei…langsam. Da wir noch nicht so dicke waren mit dem Skipper – dessen „Raum“ durch eine Tür direkt neben uns zu erreichen war – zückten wir unsere Smartphones und Trackten gefahrene Strecke per GPS und suchten in Wikipedia die Umrechnung von Knoten in km/h…wir fuhren ca mit 30 km/h. Wobei beim Schippern in knoten gerechnet wird, da eine exakte Bestimmung der zurückgelegten Strecke bei Wasser schwierig ist. Daher hält man eine Schnur ins Wasser, da deren Ende ein Eimer ist. Auf der Schnur sind in gleichen Abständen Knoten angebracht. Die Zählt man dann während der Eimer „fest“ im Wasser liegt und das Schiff fährt – man bewegt sich relativ zum Wasser nicht relativ zum Start- oder Zielpunkt („wir sind schon 55 km gefahren“, „nach 300m biegen Sie links ab“).

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Die See war an dieser Stelle recht ruhig, was mir ganz recht war, da ich nicht einschätzen konnte wie mich der Seegang effektuieren würde. Leute die einfach mit einem etwas Größeren Kahn geschippert waren kotzten sich schon die Seele aus dem Laib…fütterten die Möwen…so sagt man auch.

In der Fahrzeit präparierten wir uns, Maggie stellte fest, dass sein Koffer noch in Hamburg im Bus sei, Ricos jedoch so groß und gute bestückt ist, dass wir mit vier Angeln auf fünf Mann gut zurechtkommen würden…vermutlich das ganze Boot würde damit zurechtkommen.

Es gibt hole teleskopangeln, die man einfach – ähnlich eines Teleskopschlagstockes, oder einfach eines Teleskops – auszieht. Dann gibt es die die man zusammenstecken kann – wie man es von den Coes beim Pool-Billard kennt. Dann werden die Spulen und die Sehnen drangezimmert, das geht meist recht einfach. Weil in vielen Fällen Fischen was mit Entspannen zu tuen hat. Männer setzen sich alleine oder zu zweit an einen See und über sich in Anschweigen, in lautlosem In-der-Natur-Verschwinden…dazu sind zu komplexe Dinge, wie elektronisches Equipment, unerwünscht, wenn nicht sogar des Einswerdens mit der Natur hinderlich. Also Spule dranhalten, Ring hochschrauben fertig. Die Angelsehnen sind meist auch schon AbLaden geknotet, meist werden an Schlaufen nur noch Mini-Karabinerhaken drangehangen, an denen sich wiederum die Angelhaken befinden. Weitere Ausstattungen zum Angeln sind ein Holz, fürs Töten der gefangenen Tiere, Eimer oder andere eimerartige Behältnisse für das Fanggut, Messer, scharfe Messer, gerne auch ein sehr scharfes Messer. Einiges, was früher noch mit dem Messer gemacht wurde, erledigt man heute mit einer Schere. Zum Beispiel das Abschneiden von Flossen und Kopf vom Plattfisch. Dann, und das beeindruckte die zwei Frischangler inkl. mich, noch ein dünnes Metallrohr. Es ist auf der einen Seite spitz, auf der anderen hohl, nen Loch. Die spitze Seite rammt man dem Beutewurm in den Schlund, schiebt ihn durch bis sie am Ende des Wurms wieder rauskommt. Dann nimmt man die Loch-Seite und steckt diese auf den Haken, so kann man den Wurm locker flockig über den Angelhaken ziehen. Für die Isabels und Schwangeren dieser Welt, der Wurm spürt nichts, es ist einfach und auch schmerzfreier als würde man den kl. putzigen Zeitgenossen einfach so über den Haken ziehen. Er würde sich vermutlich des Öfteren seitlich aus dem Wurm bohren bevor man am Ende ankommt. Wer hier schon Skrupel hat sollte aufhören zu lesen und zu dem Fertig zubereiteten Fisch springen.

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Was ganz wichtig ist, und letztlich dem Skipper und dem Bootsbesitzer die Butter auf dem Brot bringt sind die Biere, Schnäpse und die Suppen. Der Bootsbesitzer, bärtig, mit brummiger Stimme und mit Thors Hammer auf dem Arm tätowiert und auch ne kl. Version um den Hals, stand auch hinterm Tresen und schenkte aus…und ein. Er ist übrigens Berliner, aus Kreuzberg. Seit 1996 oder so nun in Kiel sesshaft.

Soviel zur Ausstattung, natürlich gibt es noch viele Unterschiede und Ausprägungen des Aufgeführten, aber an dieser Stelle war‘s das erst einmal.

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Nach ca. 45 Minuten Fahrt kamen wir an unserem ersten Platz an. Als dann das Horn ertönte fielen alle präparierten Haken ins Wasser. Meine Devise war jedoch: beobachte und lerne. Das tat ich dann auch schon 2 Minuten später. Rico zog die ersten Plattfische aus der See. Haken ab und ab in Korb. Gelernt: Sehne immer auf etwas Spannung halten, dann fühlen was da unter in ca. 15 Meter Tiefe abgeht. Das Blei – ca. 100 Gram – ruhen mit den Haken auf dem Grund, die Fische sehen den Wurm…oder riechen ihn. Beißen an und stellen fest „ups“. In diesem Moment merkt der feinfühlige Angler: anhauen=Angel kurz ruckartig anziehen, sodass sich der Haken ins Maul bohrt. Dann am besten noch warten, denn da ist ja noch nen unbefischter Haken. Der feinsinnige, feingeistige Fischer unterscheidet dann zwischen dem bereits gefangenen Fisch der etwas zappelt und einem Neunen. Das hab ich zwei Mal gemacht und hatte zwei „Dubletten“. Gelernt: die Fische spüren im Grunde genommen keinen Schmerz. Sie denken auch nicht wirklich. Dieter Nuhr würde, das was der Fisch denkt, vermutlich so beschreiben: ui wurm, ups haken, ui Wasseroberfläch, ui Bottich, ah hallo Mama Brüder Schwestern, äh? Holzklot… .
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Teil 2 erscheint am 7. Dezember 11 Uhr

Von Jonas York

2012 : Ich bin ein Blogger. Will meinen Heimathafen Berlin mit dem Heimathafen Hamburg in 2012 tauschen. Für Alle die es interessiert sollen hier die spannenden und weniger spannenden Geschichten des Jonas Y aus B an der Spree die sein Umzug mit sich bringt niedergeschrieben und bebildert werden.

2017 : Fünf Jahre später, wir sind nun von Hamburg aufs Dorf gezogen. Zu den Geschichten zum Umzug sind einige zu Häuschensuchen und Kinobesuchen gekommen.
Einige zu Eltern und Kindern, nicht zuletzt weil wir nun Fünf sind.