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Dorfleben Einleben

Anonymität vs. Dorf (Teil I)

Aufs Land ziehen hat Vorteile, so haben wir schon festgestellt und, wenn man dann noch ein paar Vorteile der Großstadt vor der Tür hat, dann hat man es als alternder Großstädter gut. Solange der gravierendste Nachteil, vergleicht man Dorf und Stadt, ist, dass wir uns immer bei Freunden 4 km weiter „rein“ einladen müssen, um gutes Sushi per Lieferservice genießen zu können. „Hey ho ihr vier…habt ihr schon was zum Abendbrot gemacht?“…“Nein…“ und dann ein langsam ausgesprochenes „Waaaann wooollt iiiihr kommeeeeen?“. Aber das hat uns bisher nicht gestört, wir sind trotzdem zu unseren Freunden gefahren. Sind ja nur 4 km und was sind vier Kilometer gemessen an sooo leckerem Sushi.
Nun ja. Dass sollte also der gravierendste Nachteil sein!…? Und was ist mit den Nachbarn?

Erst letztes Wochenende stand ich so am Fenster und beobachtete das Spiel der Kinder auf dem Spielplatz nahe unserer Wohnung. Da spielten Hans und Franz mit den Nachbarskindern. Die hatten eine 10jährige Freundin dabei, die den Kindern was vom Storch erzählte, dass man hier auf dem Spielplatz Dies dürfe und Das nicht. Wie sie eben so sind, die Zehnjährigen, kleine Biester, mit denen keiner in eine Zelle gesperrt werden sollte. Flöhe, ja; Vogelspinnen, ja; Harry Potter, ok…aber so ne biestige Zähnjährige, nee. Nun ja, die Nachbarskinder jedenfalls waren eben auch nicht soo nett. Jedoch sollen die Kinder das mal unter sich ausmachen. Zurück zur Nachbarschaft: die Kinder liefen dann nun so durch unseren Garten in ihren. Eine angestammte Route durchs Gebüsch. Unsere Kinder, nachdem die Zehnjährige, die der älteren Nachbarstochter zum wiederholten Male die Freundschaft bis in alle Ewigkeit kündigte, weg war, liefen nun auch durch die Hecken Slaloms. Dann in des Nachbars Garten, vorn durch die Hecke auf den Weg und weiter hinten wieder in den Garten. Unsere Große der älteren Großen folgend. Nun hielt ich in meinem Inneren einen Dialog mit mir. Einmal argumentierte ich dafür, die Nachbarn einmal einzuladen. Mit dem Vorsatz die Fronten zu klären, wer darf was wie weit, was darf man sagen, um was genau dann einzuschränken. Dazu ein Bier, und noch eines. Natürlich muss man dabei stark drauf achten immer höflich und diplomatisch zu sein und sollte nicht in Bezichtigungen verfallen. „Warum sind Sie eigentlich am Tag vor unserem offiziellen Einzug in unseren Garten und haben Eibe abgschnitten?“ und „Warum haben Sie die letzten Jahre immer ihr Laub in unseren Garten gekarrt, glauben Sie, dass, nur weil Sie hier schon vor uns wohnten, alles auf diesem (noch) Niemandsland (nun unser Land) dürfen?“. Naja eben nicht erwähnen. Soweit sollte ich zum Glück noch keine Erfahrung gemacht haben. Dann aber sprach ich mich dafür aus, dass sich das doch sicher selber irgendwann automatisch reguliert. Unsere Kinder werden solange den Weg durch die Hecke trampeln, bis die Nachbarn wutentbrand ihre Masken fallen lassen und ihre feisten Fratzen zum Vorschein kommen. Das würde dann aber auch bedeuten, dass ihre Kinder unsere Wege kreuzten, zumindest solange wir nicht Nackt im Garten lägen. Als dritter im Bunde gab ich mir zu verstehen, dass es auch möglich wäre, dass ich einfach Proaktiv auf die Kinder einrede. Meine würden Virtuelle Zäune eingetrichtert bekommen – „hörst du, nur bis dahin und nicht weiter sonst setzt es …“ – und die Nachbarskinder würde ich immer murmelnd anranzen. Aber immer so, dass sie keine Worte verstehen. Nur mal ‚Ball‘ oder ‚Schokolade‘ zwischendurch betonen, sodass sie nix zum Petzen zuhause haben. Aber eben immer schon Angst bekommen, wenn sie mich von Weitem sehen. Das wirkrt ganz sicher.
Der Vierte Gedanke ist natürlich einmal mehr noch auf…und da klingelt es an der Tür. Und die Nachbarin steht vor der Tür. Sie wolle nicht stören, ihr Mann möchte in der kommenden Stunde einmal die Terassenplatten mit dem Kärcher säubern, dass mache etwas Krach, ob den unsere Kinder Mittagsschlaf machten und dadurch in ihrer Ruhe gestört würden. „Ach was, soll er machen, abgesehen davon, dass unsere Kinder seit 2 Jahren keinen Mittagsschlaf machen, kann ich das ja zum Anlass nehmen und an einem anderen kommenden Samstag mal den Schrädder anwerfen“.

http://www.shz.de/lokales/pinneberger-tageblatt/im-kreis-leben-woanders-arbeiten-der-pendlerreport-fuer-den-kreis-pinneberg-id12519891.html

Was ist nun die Quintessenz, was macht nun eine „Miteinander auf dem Land“ aus? In der Stadt, der ostdeutschen Stadt, gab es das noch. Den Subotnic, den Samstag an dem sich die Nachbarn mal alle auf der Straße trafen und ordentlich auf den Putz hauten. Also nicht im wahrsten Sinne des Wortes, da der Ostdeutsche Putz aus mehr Sand als Mörtel bestand und somit nicht so standhaft war. Sprich es war ein eher metaphorisch gemeintes ‚auf den Putz hauen‘. Man traf sich um dem „von oben“ angeordneten Schönwetter der Nachbarschaft zu fröhne. Man verhöhnte die Obrigkeit, soweit man eine Regierung ohne Macht über das Volk „Obrigkeit“ nennen kann. Da man sich zu dem Angeordneten Reinemachen traf und dabei auch noch Spass hatte. Die Leute fanden es gut ein Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die Anonymität der Grossstadt zu durchbrechen. Jeder sprach mit Jedem über Alles, harkte dazu den Vorgartgen oder befreite Gullideckel von Laub. Beschnitt Bäume und Büsche oder mauerte den Gehweg neu. Es machte Spass den anderen zu kennen… Auch in einer Großstadt. Und ja, Ostberlin war eine Großstadt, auch wenn man sich eine ausgeklügeltge Infrastruktur in der ehemaligen DDR nicht vorstellen kann. Nun ja, der Nachteil, der hier auch erwähnt werden sollte ist natürlich, dass das Miteinander auch die Gefahr barg, dass der Hauswart, der offizielle, der das Besucherbuch des Hauses führte und der inoffizielle (der die Gespräche der verwandsten Hausmitbewohner abends zum Einschlafen hörte), alles mitbekamen. Nichts desto trotz. Ein Miteinander, eine Gemeinschaft die das Gegenteil von Anonymität war, wohnte der Gemeinschaft der DDR-Bürger inne. Das, so und so, ist nun kein typisches Charakteristukum einer Grossstadt, denn – und das ist das tolle an einer Ansammlung von Menschenlebensräumen, man kann ihnen auch ohne weiteres aus dem Weg gehen.

Hier schließt sich nun Teil Zwei zu ‚Anonymität vs. Dorf‘ an.

Von Jonas York

2012 : Ich bin ein Blogger. Will meinen Heimathafen Berlin mit dem Heimathafen Hamburg in 2012 tauschen. Für Alle die es interessiert sollen hier die spannenden und weniger spannenden Geschichten des Jonas Y aus B an der Spree die sein Umzug mit sich bringt niedergeschrieben und bebildert werden.

2017 : Fünf Jahre später, wir sind nun von Hamburg aufs Dorf gezogen. Zu den Geschichten zum Umzug sind einige zu Häuschensuchen und Kinobesuchen gekommen.
Einige zu Eltern und Kindern, nicht zuletzt weil wir nun Fünf sind.